Der Dokumentarfilm zu Zeiten seiner Digitalisierung

Einige unsystematische und subjektive Anmerkungen von Lothar Schuster.

Im Medienbereich ist die Digitalisierung erstmal eine Rationalisierung zum Vorteil des Kommerzes. Statt Kartons mit schweren 35mm Filmkopien für die Kinos, eine DCP-Kassette, die verschlüsselt werden kann gegen fremden Zugriff. Die nächste Etappe: Die Filme über Satellit in die Kinos.

Für die aktuelle Berichterstattung: ein Team bestehend aus Regie, Kamera, Ton, Schnitt. Extrem durchrationalisiert: Aus dem Team wird der Videojournalist, der Bild und Ton selbst aufnimmt, unterwegs im Notebook schneidet und an die Redaktion sendet.

Die Digitalisierung ist aber auch ambivalent. Sie erweitert die Möglichkeiten des unabhängigen Dokumentarfilms, senkt die Produktionskosten und ermöglicht das Drehen mit kleinem Equipment.

Barbara Kasper und ich haben für unseren Film CARGO (über die Veränderung der Schifffahrt der 1960er Jahre bis heute) auf einem Containerschiff gedreht. Wir haben dort mit zwei Panasonic GH2 gearbeitet, kleine Kameras, die Video in FullHD und hochqualitative Fotos aufnehmen. Das erleichtert eine kreative Synthese von Videos und Fotos. Die Kameras hatten wir auf dem Schiff immer bei uns. Ich erinnerte mich an Alexandre Astruc und seiner Idee der „Camera Stylo“, die er 1948 in den „Cahier de Cinema“ entwickelt hatte: der Filmemacher als unabhängiger Autor sammelt Bilder und Töne, dreht was ihm gefällt. Die kleinen Kameras, mit denen wir arbeiteten, sind die „Cameras Stylo“ des digitalen Zeitalters.

Die technische und ästhetische Entwicklung ist rasant. Beispiele: Die kleine Sony 7S2 hat einen Vollformat-Sensor (Filmlook ist möglich). Über das Menü kann der Sensor auf APS-C verkleinert werden. Die Kamera hat jetzt einen Crop-Faktor von 1,5. Aus einem Hundert Millimeter Objektiv wird ein Objektiv von 150 Millimeter. Man kann sehr gut ohne zusätzliches Licht arbeiten. Es können 402Tausend ASA für Foto und Video eingestellt werden; 40Tausend geben immer noch ein brauchbares Bild.

Die Sony 7S2 und die Panasonic GH4 nehmen intern 4K auf. Ca. 30 Minuten können in einer Einstellung aufgenommen werden. Mit der GH4 lassen sich Videos im Format 16:9, 2:3, 4:3, 1:1 drehen.

Mit der neuen Kamera „LYTRO Illum“ kann durch eine Software die Schärfe verlagert werden; vom Vordergrund zum Hintergrund und umgekehrt – und die Perspektive lässt sich verschieben.

Farbkorrektur durch Grading kann das Ausgangsbild radikal verändern.

Morphing: Mit dem Adobe MorphCut ist es möglich, innerhalb von Interviews nahezu unsichtbar zu schneiden. Das Schnittprogramm „Premiere“ analysiert die Bilder vor und nach dem Schnitt; auf Basis von Gesichtserkennung und Morphing-Techniken werden Zwischenbilder berechnet. So kann man „Äh’s“, Versprecher, andere Störungen oder lange Pausen problemlos aus den Interviews entfernen. Der Nachteil: Man kann damit auch Interviews komplett umbauen und in einer solchen Art und Weise verfälschen, daß es auch der aufmerksame, kritische Zuschauer nicht mehr merkt. („Kameramann“ 6/2015)

Smartphone: die Verbindung von Videokamera und Internet. Philippinische Matrosen drehten auf ihren Schiffen mit Smartphones Videos über ihre Arbeit. Die Videos schickten sie sich zu, und tauschten sich so über ihre Arbeitsbedingungen aus.

Während der ägyptischen Revolution entstanden mit Smartphones Videofilme, die das Geschehen in die Fernseher des Auslands transportierten.

In dem Wort Dokumentarfilm steckt „Dokument“. Das scheint zu signalisieren, daß der Dokumentarfilm die Realität direkt wiedergibt. Das war schon beim „analogen“ Film eine unterkomplexe Betrachtungsweise.

Walter Benjamin: Zum Wesen der Kinematographie gehört, „dass es eine andere Natur ist, die zur Kamera als die zum Auge spricht.“

Alexander Kluge: „Der Film entsteht im Kopf.“ Der Zuschauer macht aus der Realität des Dokumentarfilms seine Realität.

Eine Beobachtung von Sergej Eisenstein: In seinem Spielfilm „Streik“ schneidet er in eine Sequenz, in der zaristisches Militär auf die Streikenden schießt, eine dokumentarische Schlachthausszene ein – als Metapher für Brutalität. In der Stadt, in Moskau, haben die Zuschauer die filmische Idee Eisenstein’s verstanden. Auf dem Land funktionierte das nicht. Für die Bauern ist schlachten ein alltäglicher Vorgang.

Beim digitalen Dokumentarfilm wird „Die Sache mit der Realität“ durch seine neuen technischen Möglichkeiten noch komplizierter. Es stellt sich die Frage, kann man dann noch von einem „Dokumentarfilm“ sprechen? Es gibt aber gute Gründe, beim Wort „Dokumentarfilm“ zu bleiben.

Der analoge Dokumentarfilm hat eine Geschichte, die geprägt ist durch sich verändernde dramaturgische, politische und emanzipatorische Konzepte. Der Idee der Aufklärung verbunden.

Das alles kann der digitale Dokumentarfilm beibehalten und es können neue Ästhetiken, neue dramaturgische Formate entstehen.

Zusätzliche Abspielstätten: Galerien, Museen, Ausstellungen.

Es gibt nicht nur eine Tendenz zu immer höhere Auflösung und Brillanz, es gibt auch eine Tendenz zum Trash. Die 8mm-Vintage-Kamera ist ein App (84 Cent) für IPhone und IPad. Es ist möglich, 8mm-Filme (schwarz-weiß) von 1920 und 1970 zu simulieren – auch fünf verschiedene 8mm-Farbcharakteristiken. Ebenso lassen sich Störungen wie Lichteinfall und Projektor-Durchlauf darstellen. Malik Bendjelloul hat in seinem Film „Searching for Sugarman“ in mehreren Einstellungen 8mm Vintage App verwendet. Ein dokumentarisches Märchen: Der Sänger Sixto Rodriguez verschwindet und taucht wieder auf. Der Film bekam 2012 den Dokumentarfilm-Oscar.

Für den philippinischen Filmemacher Lav Diaz bedeutet Digitalisierung Freiraum. Seine unabhängigen Filme thematisieren die politische und soziale Situation der Filipinos: Die Zeit der Kolonialen Geschichte, die Marcos-Diktatur, die Armut heute. Wenn er einen Film beginnt, weiß er nicht, welche Länge der Film haben wird. Lav Diaz schafft in seinen Filmen eine eigenwillige, avancierte, digitale Ästhetik. Sein Dokumentarfilm „Storm Children“ zeigt in langen, epischen Einstellungen, fast ohne Worte, den Überlebenskampf philippinischer Kinder nach dem Wüten des Taifuns „Yolanda“ im Jahre 2013. Lav Diaz: “Vor dir zieht ganz einfach das Leben vorüber. Ich möchte, daß du ein Beobachter wirst. Nichts ist aufgezwungen. Es gibt keine Musik, keinen Soundtrack. Was immer die Kamera aufzeichnet, der Ton, alles ist, was es ist – roh, ursprünglich.“

Die Postmoderne sprach vom Ende der großen Erzählung. Die Digitalisierung und Globalisierung produzieren jetzt eine supergroße Erzählung mit ihren Ambivalenzen. Eine kreative Herausforderung für den Dokumentarfilm.

Nicht Weltraum

Weltall

Mit unseren blauen Augen

Die Welt eine Scheibe“

P1000392

 

Advertisements

Über GregOhr

Film Fotografie Video Sounddesign
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s